Ausgabe 1/2019

Impuls „ChristineWestermann: „Wieviel Leben bleibt mir noch?“, stand da. Sofort spürte sie, wie der Ärger in ihr Aufstieg. „Die Leute denken, die hat eine tod- bringende Krankheit“, dachte sie. Oder, Möglichkeit zwei: „Die ist stark vergreist und verabschiedet sich mit dieser Dokumentation.“ Und dann, mit klarem Kopf schrieb sie an die Redaktion: „Wie viel Leben bleibt mir noch? Das ist keine Sinnfrage. Das ist eine Unsinnsfrage. Es geht nicht um das Wieviel. Das Wohin ist das Entscheidende, die Richtung, die ich meinem Leben noch geben will. Nur deshalb habe ich mich auf die Suche eingelassen.“ Sie ist nicht die Einzige. Christine Bergmann, die ehemalige Bundesfamilienministerin, ist letztes Jahr mit ihrem 20-jährigen Enkel den Jakobsweg gegangen – ein Jahr nach dem Tod ihres Mannes, nach einer Phase vieler Ämter und Ehrenämter. Und die vielen Altersgenossinnen, die jetzt auf Kreuzfahrtschiffen unterwegs sind, wollen nicht nur entspannen, gut essen und den blauen Him- mel genießen – es geht zugleich um neue, tiefere Entdeckungen. Die großen Reisen, die Pilgerschaf- ten passen in eine der immer neuen Aufbrüche in Jobs, Partnerschaft und Familie. Am Ende geht es um die Frage nach dem Wohin, nach Ziel und Richtung unseres Lebens. „Es lohnt sich nur der Weg nach innen“, heißt eines der Bücher von Sam Keen. Er legt den Finger in die Wunde einer Zeit, in der immer etwas los seinmuss, damitman sich spürt. Nur keinen Stillstand aufkom- men lassen. Dabei ist es wichtig, zur Ruhe zu kom- men, umunsere Erfahrungen zu reflektieren und zu unserer Mitte zu finden. Nichtstun und Träume haben, – für Sam Keen sind das die Haltungen auf demWeg nach „innen“ und nach „oben“. Da fällt mir Jakob ein. Nicht der Apostel Jakobus, nach dem der Pilgerweg benannt ist, sondern der Jakob aus der hebräischen Bibel. Der Zweitgebore- ne, der seinem Bruder Esau das Erbe abluchste – und seinem Vater Isaak den Segen. Ein junger Mann, voller Hunger nach Leben, dem jedes Mittel Recht scheint, um zu bekommen, was das Schicksal ihm verweigert: Land und Herden, die dem Erstgeborenen zustehen, eine große Familie und viele Nachkommen, eben Erfolg und Segen. Der Schwindel fliegt auf und Jakob flieht durch die Wüste zu seinem Onkel Laban. Er wird sich durchkämpfen durch die Widrigkeiten der kom- menden Jahre und es wird ihm tatsächlich gelin- gen, sich nach und nach den Reichtum aufzubau- en, nach dem er sich sehnte – als stünde ihm der Himmel tatsächlich offen. Er hatte den offenen Himmel gesehen in einem Traum auf der Flucht. Nachts in der Wüste, den Kopf auf einem Stein. Die Himmelsleiter, an der die Engel auf- und ab- stiegen, hat er sicher nie vergessen. Diesem Jakob können wir später noch einmal begegnen, in einer anderen Nacht, gegen Ende Christine Westermann hat sich zu ihrem 65. Geburtstag ein Buch geschenkt. „Da geht noch was“, heißt es. Darin erzählt sie von ihrer letzten Fernsehreportage beim WDR. Gedreht wurde ein Klosteraufenthalt. Zurück an ihrem Schreibtisch sah sie, wie die Sendung beworben werden sollte. „Am Ende geht es um die Frage nach dem Wohin, nach Ziel und Richtung unseres Lebens.” 20 „Aus der Heimstiftung“ 1/2019 Nicht „Wie viel“ –

RkJQdWJsaXNoZXIy MTU2Njg=